14.9.16

Bitte an den Vater (88)



Bitte an den Vater (88) 

Ich bat dich inniglich
alles aufzuschreiben
was du einst erlebtest
und stets neu erzählst

Wer liest das schon
fragtest du und
wen interessiert
mein Leben

zwischen eisigen Wänden
an denen die Decke festfror
mit der ich mich als Kind
zudeckte im beengten Haus
die Flucht aus dem Lager
ausgezehrt und flohbeladen
immer den Schienen entlang
nach Hause zu Muttern

mit dem Hunger nach Wissen
und der Hoffnung auf Frieden
in einer neuen anderen Zeit
mit all ihren Träumen
die mich erfüllten
bis unter die Haarspitzen
mir den Weg wiesen
den ich zu gehen hatte

trotz mancher Zweifel
im Fühlen und Denken
ob es so der Richtige sei
die ich erstickte aus Angst
vor dem was mir bleiben würde
wenn die Wahrheit siegte
oder aus Sorge um euch
die ich liebte

Wer liest das schon
fragtest du und
wen interessiert
mein Leben

Mich. Und die nach mir.
Damit Vergangenheit 
und Zukunft 
nicht sprachlos bleiben.


9.7.16

Beim Erwachen



Beim Erwachen

Der Tag hat seine Lider noch geschlossen.
Nur in dem Baum vorm Haus beginnt ein Singen,
als würde dort der Morgen ausgegossen
beim ersten Licht im Grün mit hellem Klingen.

Vom Lächeln deiner Augen sanft umflossen
hebt sich mein Blick zu dir, beginnt zu schwingen.
Du fängst ihn auf, dass sich mein Lächeln mehre
Die Nacht versinkt und mit ihr alle Schwere.

30.6.16

In Memoriam


In Memoriam Norbert

Vor nunmehr fünf Jahren, am 30. Juni 2011, wurde Norbert von seinem Leiden erlöst und ist letztlich ganz ruhig eingeschlafen.
Norbert war mit mir, meiner Familie und meinen Freunden für mehr als 3 Jahre sehr eng verbunden. Als Mensch, der immer wieder auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und nach sich selbst war, öffnete er sich für ihm Unbekanntes mit vorfreudiger Neugier. 

Er setzte, so ihm dies noch möglich war, seine Gedanken und Gefühle in selbst komponierte Musik um. Er träumte wieder, vor allem von einer neuen eigenen CD. Als der aggressive Krebs begann, den Körper zu durchdringen, reichte seine Kraft nicht mehr aus, diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen. 

Wenn er der Krankheit im wachsenden Begreifen der Endlichkeit des irdischen Lebens begegnete, tat er dies ohne wehleidiges Klagen. Norbert nahm über viele Monate hinweg die unzähligen anstrengenden Behandlungen mit ihren zunehmenden Belastungen und Beschwerden hoffnungsvoll und geduldig auf sich. Seine Liebe zum Leben, zur Musik und unsere tiefe Zuneigung halfen ihm, das mit der Krankheit verbundene unberechenbare Auf und Ab zu ertragen.

Mit Norberts Namen verbindet sich im Umgang mit anderen Menschen das Zuhörenkönnen und Ermutigen sowie Berührenwollen. Ein Freund schrieb im Winter 2010, nachdem er ihn mit seiner Gitarre erlebt hatte, er sei:" ... ein Mann, der mit seinem Instrument verschmilzt, mit einer reinen, fast naiven Freude am Spielen, bei dem ich empfunden habe, was Glück ist..."

Hab Dank, Norbert!

14.4.16

Bei den Alten Meistern (II)



Pinturicchio - Bildnis eines Knaben














Kindheitsende 

Du siehst mir skeptisch ins Gesicht,
betrachtest mich vertraut und dennoch fremd.
Schaust ruhig, scheinst im Gleichgewicht
mit deinem Ich nach außen. Noch gehemmt 
bezeugst du Abstand innerlich
zu dieser Welt, von der du wenig weißt.

Bemäntelst und versiegelst dich,
dein Kindsein schützend. Es scheint eingekreist.
Begrenzt durch jene, die den Hort
der Unbeschwertheit längst verließen,
last- und schuldbeladen. Ohne Wort,
nur durch den Blick, beschreibst du den Kontrast.

10.4.16

Bei den "Alten Meistern" (I)

Jan Vermeer - Briefleserin am offenen Fenster














Bei den Alten Meistern (I)

Du weißt es längst, dass ich begehre  
wohl jede deiner Zeilen aus dem Brief 
in meiner Hand und mich verzehre 
nach deinen Liebesworten, warm und tief. 
  
Das Fensterglas ist mir ein Spiegel -
Ich sehne mich nach Leben. Und nach dir. 
Die Antwort sei für dich das Siegel 
für mein Gefühl: Ich hoffe. Jetzt und hier. 


9.4.16

Über das Grün










Über das Grün
 
Ein Freund meinte einst, ich schriebe zu viel vom Grün. 
Das fiele ihm auf, wenn er meine Gedichte läse. 
Ich blätterte nach – Es stimmte.  
Aus dem Bemühn von Orten zu sprechen, 
in deren Licht ich genese, 
entspross stets das Grün den Texten 
vom Moos, vom Wald, der Insel im Meer,  
dem See beim aufsteigenden Morgen.

Wo jegliche Hast der Tage wie abgeprallt  
in Langsamkeit taucht, entschwindet auch der Lärm.  
Geborgen im Nachhall der Zeit und Stille 
erfüllt mich ein vollendeter Klang von Frieden. 

Harmonie.

Im Schweigen erscheint mir das Grün 
als wertvollster Edelstein der Welt  
und ich will noch immer
im Wort mich vor ihm verneigen.
.